Lazarz

Verhalten von Kaninchen

 

GESCHICHTE, VERHALTEN und DOMESTIKATION

Hauskaninchen sind Abkömmlinge des Europäischen Kaninchens (Oryctolagus cuniculus) aus Westeuropa (Iberische Halbinsel) und Nord-West Afrika und werden als Haustiere seit dem frühen 16. Jahrhundert gehalten.

Viele Verhaltensweisen der Wildkaninchen finden wir noch immer bei unseren Hauskaninchen.
Kaninchen leben in einer Kolonie in größeren Familienverbänden (=Sippen) mit mindestens 1 Männchen und bis zu 5 Weibchen in unterirdischen Wohnröhren oder Bauten in sandigem, hügeligen Gelände. Diese Bauten sind weit verzweigt und können bis zu 3 m tief und 45 m lang sein. Kaninchen entfernen sich normalerweise selten aus der Geborgenheit ihrer Bauten, aber als dämmerungs- und nachtaktive Tiere verlassen sie die Bauten bei Anbruch der Dämmerung zur Futtersuche.
Kaninchen leben in einer hochentwickelten sozialen Hierarchie und haben sich als klassische Beutetiere zu Fluchttieren entwickelt.
Böcke sind sehr territorial und Weibchen verteidigen ihr Nest höchst aggressiv. Schwangere Kaninchen graben ihre Satzröhren abseits der Wohnröhren, denn die Böcke reagieren mitunter sehr aggressiv auf den Nachwuchs und töten diesen sogar manchmal.

Obwohl Kaninchen schon mehr als 2000 Jahre domestiziert sind, wurde ihrem Verhalten wenig Beachtung geschenkt. 1940 begann Southern mit der Beobachtung von Wildkaninchen in England, indem er ihr Sexual- und Aggressionsverhalten, später auch ihre Populationsdynamik, untersuchte. Dann in den 50er Jahren initiierte die Australische Regierung ein umfangreiches wissenschaftliches Forschungsprogramm, in dem das Reproduktions- und Sozialverhalten der australischen Wildkaninchen intensiv erkundet wurde. Diese Studien hatten zum Ziel, die wilde Kaninchenpopulation auszurotten, die sich überentwickelt hatte und der Landwirtschaft des Staates großen Schaden zufügte. Bis in die 90er Jahre waren Studien über Kaninchenverhalten fast ausschließlich auf Wildkaninchen beschränkt. Es gab nur sehr wenige Studien über das Verhalten von einzeln gehaltenen Heimtierkaninchen. Diese zeigten jedoch, dass das Verhalten von Wildkaninchen dem von Haustierkaninchen sehr ähnlich ist. Der Hauptunterschied im Verhalten liegt in ihrem Umgang mit der Stallhaltung. Wildkaninchen sind nicht angepasst an Stallhaltung. Hier scheitern Nachzuchten sehr oft und die Tiere zeigen abnormale Verhaltensweisen, die in der Natur bei ihnen niemals beobachtet werden. Andere wilde Lagomorpha (=Hasenartige) wie der Feldhase können nicht domestiziert und erfolgversprechend in Ställen gehalten werden.


Daher sollte das Zähmen von Wildkaninchen erst gar nicht versucht werden. Es führt nur selten zum Erfolg, aber ist sehr stressig für die Tiere.
Dagegen hat die Domestikation des Kaninchens zu Tieren geführt, die an den Menschen gewöhnt sind, deren Stallhaltung die Tiere nicht stresst, die aber in ihrem Verhaltensrepertoire überwiegend mit ihren wilden Verwandten übereinstimmen. Selektive Zucht, auch mit Hybriden, hat heute über 100 anerkannte Kaninchenrassen hervorgebracht.

 

SINNE und VERHALTEN

SEHEN und VERHALTEN

Kaninchenaugen sitzen seitlich. Ihre Hornhaut ist sehr groß und ermöglicht einen sehr großen Rundumblick wie bei allen grasenden Pflanzenfressern. Mit dieser Augenstellung kann jedoch nicht die Gegend neben dem Maul eingesehen werden. Kaninchen mit Sehproblemen bewegen ihren Kopf von Seite zu Seite oder von oben nach unten, um die Gegend in ihrer Umgebung zu erkennen. Dieses Suchverhalten ist auffällig, wenn ein sehbehindertes Kaninchen in einem Raum herumgetragen wird.

 

TASTSINN und VERHALTEN

Die Lippen und die Tasthaare (=Vibrissen) neben dem Maul sind sehr empfindlich und können beim Grasen sehr gut verschiedene Futterbestandteile unterscheiden. Wegen dieser Empfindlichkeit und weil Kaninchen Nasenatmer sind, mögen sie es nicht, an der Nase berührt oder gehalten zu werden. Das sollte besonders bei der Eingabe von Medikamenten beachtet werden. Kaninchen mögen kein Tätscheln ihrer Nasenflügel, so wie man manchmal einen Hund begrüßt. Dabei können sie sich sehr erschrecken.
Weiterhin besitzen Kaninchen Tasthaare über den Augen und um die Nase.

 

GEHÖR und VERHALTEN

Kaninchenohren sind groß und gut durchblutet. Sie erlauben die Ortung und Verstärkung von Geräuschen, ein scharfes Gehör und eine gute Thermoregulation. Die Ohren bilden ca. 12% der Körperoberfläche.
Manchmal werden die Ohren in einem ungewöhnlichen Winkel gehalten und das Tier schüttelt mit dem Kopf. Es kratzt mit den Vorderbeinen an den Ohrmuscheln, wenn eine Infektion oder Ohrmilbenbefall bestehen.

 

GERUCHSINN und VERHALTEN

Duftmarkieren ist ein normales Kaninchenverhalten, wobei die Duftdrüsen sowohl für andere Tiere als auch für Gegenstände in der Umgebung zur Markierung gebraucht werden. Kaninchen sind äußerst territorial und geben Duftsignale über den Urin und durch spezialisierte Hautdrüsen ab, die über den ganzen Körper verteilt liegen.

Die anatomische Lage und Morphologie dieser Drüsen und das Verhalten, das die Ausschüttung des Drüsensekrets auslöst, wurde aufgeklärt für Kinn-, Anal-, Inguinal- und Hardersche Drüsen. Kinndrüsen, die spezialisierten Unterkieferdrüsen mit Ausführungsgängen unterhalb des Kinns, werden dazu benutzt, alle möglichen Einrichtungsgegenstände in der Umgebung zu markieren.

Ein Paar von taschenförmigen Drüsen um den After, die Inguinaldrüsen, und die um die Augen gelegenen Harderschen Drüsen geben Pheromone ab, die für sexuelle Attraktivität bei beiden Geschlechtern sorgt. Die Drüsengröße und die Stärke der Markierung sind androgenabhängig und stehen im Verhältnis zur Sexualaktivität.

Böcke markieren häufiger als Häsinnen. Dominante Tiere beider Geschlechter markieren häufiger als Rangniedere und meistens in deren Gegenwart.

Unter natürlichen Bedingungen gewinnen Häsinnen und Böcke 2/3 aller aggressiven Begegnungen, wenn sie von ihrem eigenen Geruch und dem ihrer Sippe umgeben sind. Es wird vermutet, dass Drüsenmarkieren von einzelnen Tieren in einer Gruppe zu einer Gruppenidentifikation führt.

Größere fibröse Kotballen können Analdrüsensekret verbreiten.

Neben der zufälligen Verbreitung von Kotbällchen in ihrem Wohnbereich, deponieren Kaninchen bewusst Kotkügelchen auf speziellen „Misthaufen“ oder „Latrinenplätzen“. Man glaubt, Latrinenpflege dient verschiedenen Aufgaben. Zum einen hat die Erinnerung an eigene oder familiäre Gerüche einen vertrauensbildenden Effekt. Zum anderen lässt die Strenge des Geruchs einen Eindringling wissen, dass der Ort schon besetzt ist. Latrinen sind indirekter Austauschort von Geruchsinformationen unter den Mitgliedern derselben sozialen Gruppierung und steuern die Regulation der Populationsdichte, indem sie die Vermehrung von sozial niedriger gestellten Tieren verhindern.

Weibliche Kaninchen markieren ihre Jungen mit Kinn- und Inguinaldrüsensekret. Gegenüber fremden Jungen benehmen sie sich feindlich. Die Weibchen sind normalerweise unfreundlich gegenüber anderen Jungtieren der eigenen Kolonie, aber verfolgen und töten Jungtiere aus einer anderen Kolonie sofort. Eigene Jungtiere, die mit Drüsensekret fremder Tiere markiert wurden, wurden von der eigenen Mutter attackiert und getötet. Jungtiere, die nicht wie der Rest des Wurfes riechen, werden zumindest verstoßen. Eine erfolgreiche Aufzucht untergelegter Jungtiere erfordert nicht nur gesunde und saugstarke Junge, sondern ein Überdecken des Geruchs durch Einreiben mit Nistmaterial und ein Einsetzen unter die fremden Wurfgeschwister.

Die Anwendung von Geruchsreizen während der Paarung und Säugephase wird von Kaninchenzüchtern erfolgreich zu Zuchtleistungs- und Ertragssteigerung genutzt. Die Vermehrungsrate zu steigern unter Verwendung des Sozial-Geruches, ist nur ein Teil des Repertoires, das Kaninchen beim Duftmarkieren gebrauchen. Ein hauptsächlicher anderer Teil normalen Verhaltens besteht darin, ein „optimales Geruchsfeld“ zu erhalten.


 

MITTEILUNGSVERHALTEN

Als hochintelligente Tierart kennen sich Kaninchen in ihrer Umgebung sehr gut aus. Sie fangen sehr bald an zu spielen und herumzutoben, mit anderen Kaninchen wie auch mit Menschen. Es konnte bewiesen werden, dass Kaninchen sich an andere Kaninchen und auch an verschiedene Leute sehr gut erinnern können.

Taube Kaninchen können auf Handzeichen ihrer Besitzer reagieren.

Kaninchen sind normalerweise stille Tiere, aber gelegentlich geben sie auch Laute von sich. Ein hochgezogenes wiederholtes Schreien drückt panische Angst oder Schmerzen aus. Diese Geräusch ähnelt Baby-Schreien.

Angst kann auch ohne Lautgebung ausgedrückt werden. Hierbei nimmt das Tier eine starre, geduckte Haltung an, wobei die Füße unter dem Körper platziert, der Kopf ausgestreckt und die Ohren an den Kopf angelegt werden. Die Augen scheinen aus ihren Höhlen hervorzuquellen.
Grunzen, Knurren und Schnauben werden von Kaninchen manchmal benutzt, um Ärger oder Belästigung anzuzeigen. Häufig sind das Kaninchen, die ihr Revier behüten oder hormonell beeinflusst sind.
Gelegentlich werden hupende Quieklaute ausgestoßen, um Futter oder Aufmerksamkeit zu erlangen. Dies Geräusch wird auch bei der Balz bemerkt.
Ein lautes kreischendes Geräusch kann wahrgenommen werden, wenn Tiere hochgenommen werden und sich darüber ärgern.
Ein wachsames Kaninchen hält die Ohren vorwärts gerichtet oder seitlich ausgestreckt. Zurückgezogene Ohren zeigen eine bedrohliche Situation an.
Ein hochgestellter Schwanz bedeutet Aufregung, Erwartung oder Bedrohung.
Schwanzwedeln kann man bei der Balz beobachten, häufig von Urinspritzen des Rammlers begleitet. Wenn ein Kaninchen um Streicheleinheiten bettelt, nimmt es eine Demutshaltung an, indem es die Füße unter den Körper stellt, den Kopf ausstreckt und das Kinn auf den Boden legt. Kaninchen können ihren Pfleger belecken als Form der Sozialpflege und Zuneigung. Zwicken ist nicht immer ein Ausdruck von Ärger, sondern kann auch das Begehren andeuten, dass das Tier vom Arm zu einem anderen Tier oder Menschen zu lassen. Wenn ein Kaninchen zu stark zwickt, sollte der Halter sofort einen hohen Schrei ausstoßen, um das Verhalten zu unterbinden. So machen das auch Wurfgeschwister, wenn ein Tier beim Spielen zu ruppig wird.
Kaninchen „trommeln“, indem sie mit den Hinterläufen auf den Boden stampfen, wenn sie wütend sind oder um andere Kaninchen zu warnen. Häufig sind geweitete Pupillen Begleitsymptome. Diese Tiere sind auf der Suche nach einem Zufluchtsort. Wenn andere Tiere das Trommeln hören, verhalten sie sich ganz still.
Kaninchen können eine aufrecht angespannte Position mit ausgestrecktem Schwanz und zurückgezogenen Ohren annehmen, die eine Bereitschaft zum Angriff signalisiert. Diese Kaninchen können nach oben und nach hinten treten, wenn es zum Kampf kommt. Ein kurzes bellendes Knurren, ein Zischen oder ein wütendes Schnauben zeigen Kampfstimmung an und wird häufig bemerkt bei „Grunzen-Anspringen-Beißen“ Sequenzen. Pfleger sollten mit solchen Kaninchen sehr vorsichtig umgehen, da ein aggressives Kaninchen sehr streitsüchtig sein kann, und seinen Pfleger durch Anspringen, Treten, Beißen oder Kratzen erheblich verletzen kann, sich aber auch selbst schwer verletzen kann, wenn es versucht, sich dem Eingreifen des Pflegers zu widersetzen.
Ein tiefes Brummen oder ein Klappern mit den Zähnen können Freude oder Zufriedenheit ausdrücken. Von Kaninchenlaien werden diese Laute häufig als „Zähneschnurren“ interpretiert und können sehr laut sein. Während dieses „Schnurrens“ vibrieren die Zähne leicht und schnell während die Tasthaare zittern. Wirkliches Zähneknirschen (=Bruxismus) zeichnet sich durch ein langsames, lautes knirschendes Kauen aus, und ist häufig von aus den Höhlen tretenden Augen (=Exophtalmus) begleitet. Bruxismus wird bei Kaninchen mit Unwohlsein, Schmerzen oder Krankheit, insbesondere bei Magen-Darmschmerzen beobachtet.

Im übrigen können manche Kaninchen, ähnlich wie auch Menschen oder andere Tiere, „gesprächiger“ sein als andere. Neukaninchenbesitzer präsentieren solche „gesprächigen“ Lieblinge oftmals dem Tierarzt mit Keuchen und Schniefen. Diese Laute können aber von den Erkrankungen der oberen Atemwege unterschieden werden, da sie nur zeitweise und stimuliert durch den Umgang mit dem Kaninchen auftreten.
Um ihre Präsens zu kommunizieren, markieren unkastrierte Böcke ihr Territorium, indem sie an den Reviergrenzen stark riechenden Kot deponieren. Kaninchen markieren auch mit Urin und mittels ihrer Kinndrüse. Sie reiben diese Duftdrüse unterhalb ihres Kinns an Möbeln, Teppichen und anderen Gegenständen und markieren so mit streng riechendem Drüsensekret. Die chemische Zusammensetzung des Kinndrüsensekrets umfasst 34 flüchtige Komponenten, primär aromatische und aliphatische Kohlenwasserstoffe, die sich bei Tieren von unterschiedlich geographischer Herkunft unterscheiden.
Das Kinndrüsenmarkierverhalten ist bei Weibchen früher ausgeprägt als bei Böcken. Mit der Körperentwicklung wegen des Anstiegs der Sexualhormonausschüttung wächst auch die Häufigkeit dieses Markierens.
Tragende und scheinschwangere Weibchen markieren weniger als Weibchen, die in einem anderen Teil des Sexualzyklus sind.
Bei Wildkaninchen hilft die Kinndrüsensekretion bei der Aufrechthaltung der Hierarchie. Dominante Tiere haben in ihrem Drüsensekret zusätzlich 2-Phenoxyäthanol, das dazu beiträgt, den Geruch länger an markierten Stellen haften zu lassen.

SOZIALES und ANTISOZIALES VERHALTEN

Kaninchen sind die einzigen „Hasenartigen“, die in stabilen Gruppen oder Sippen leben, manchmal bis zu einigen hundert Tieren. Dieses natürliche Sozialverhalten ging durch die Domestikation nicht verloren, und so fühlen sie sich wohler zu zweit oder zu dritt, anstatt in Einzelhaltung. Unglücklicherweise wurde dieser Aspekt ihrer Sozialbiologie von Wissenschaftlern und Haltern bis in die 90er Jahre nicht beachtet. Der Grund lag in der Entwicklung von Verpaarungstechniken zur Zucht von Hauskaninchen. Diese verlangten eine gute Kontrolle von Infektionskrankheiten, und weil sich Infektionskrankheiten durch Kontakt ausbreiten, wurden die Kaninchen in Einzelställen alleine gehalten.
Mit der Entwicklung von spezifisch pathogenfreien Laborkaninchen und der damit verbundenen Freiheit von infektiösen Kaninchenkrankheiten, verlor die Isolation von einzelnen Kaninchen an Bedeutung.
Ein anderer Grund zur Einzelhaltung lag in der Annahme, dass die klassische Einzelstallhaltung die besten Wachstumsraten bescheren würde. Jedoch zeigten kritische Analysen vom Wachstum von in Einzelhaltung lebenden Kaninchen, dass diese Tiere wesentlich mehr Fett in der Bauchhöhle, eine abnormale Muskel- und Skelettentwicklung in Verbindung mit eingeschränkter Beweglichkeit hatten. Des weiteren fand man immer häufiger Körperschäden durch nervöses Verhalten im Zusammenhang mit dieser Haltungsform.

Bei in Käfigen gehaltenen Kaninchen wird wiederholt abnormales Verhalten gesehen. Dazu gehören: Scharren in den Käfigecken, Gitterbeißen, übermäßiges Putzen, übermäßiges Fressen und Spielen mit dem Trinkwasser.
Studien haben bewiesen, dass Kaninchen, die in kleinen sozialen Gruppen gehalten wurden, Verhalten zeigten, das wachsende Bewegung, sozialen Kontakt und reges Interesse an Käfigeinrichtungsgegenständen einschloss.
Kaninchen lieben freundschaftliche Aktivitäten wie Zusammenliegen, sich Putzen und mit der Nase stupsen.
Kaninchen, die sich von ihrer Gruppe absondern, sollten auf Krankheiten überprüft werden. Rangniedrige Kaninchen haben eine höhere Herzfrequenz als höherrangige Tiere. Steigen diese Tiere in eine dominantere Position auf, so sinkt ihre Herzfrequenz auf ein niedrigeres Level.
Als Rangordnungsverhalten besteigen Kaninchen einander, um Dominanz zu zeigen. Oft haben sie dabei den Kopf des rangniederen Tieres im Wesir. Dieses Verhalten wird ohne Rücksicht auf das Geschlecht des ranghöheren oder rangniederen Tieres und des kastrierten oder unkastrierten Tieres präsentiert.
Kaninchen, die in der ersten Woche nach der Geburt immer wieder berührt wurden, zeigen später weniger Furcht vor dem Menschen als solche, die keinen Menschenkontakt zu dieser Zeit hatten.
Aggression unter pubertierenden jungen Böcken macht deren Gruppenhaltung in Ställen unmöglich. Ein Fluchtweg für ein Männchen ist nicht vorhanden, und ernste Verletzungen unter den Kaninchen sind die Folge, wenn die Tiere nicht getrennt werden.


Die Aggression unter jungen zusammengehaltenen Weibchen ist dagegen nur gering. Aggressives Verhalten zeigen Weibchen, die jung in Einzelhaltung aufgewachsen sind, und dann später mit anderen Weibchen vergesellschaftet werden. Hier gilt analog das für die Gruppenhaltung von Böcken Gesagte.
Will man ein Kaninchen mit einem neuen Tier vergesellschaften, sollte das langsam und sehr sorgfältig geschehen. Niemals sollte das Kindern allein überlassen werden, sondern nur unter Aufsicht eines Erwachsenen. Die Erwachsenen sollten darauf vorbereitet sein, die Kaninchen zu trennen, wenn sie miteinander kämpfen. Manche Besitzer benutzen schwere Lederhandschuhe, damit sie besser vor Bissen der Kaninchen geschützt sind, wenn sie zwei kämpfende Kaninchen voneinander trennen müssen.
Wie auch bei vielen anderen Tierarten werden Vergesellschaftungen am besten auf neutralem Territorium vorgenommen. Hier fühlt sich keines der Kaninchen zu hause.
Eine saubere, trockene Badewanne kann gut benutzt werden. Sie ist ungewohnt und etwas rutschig, und somit eine Herausforderung für die Tiere. Um sie etwas abzulenken kann Grünfutter und Heu gereicht werden.
Die Vergesellschaftung kann auch klappen, wenn man die beiden Tiere in eine Tragebox sperrt und eine längere Autofahrt mit ihnen unternimmt. In dieser fremden Umgebung will es sich jedes Tier lieber bequem machen als zu kämpfen.
Der Vergesellschaftungsprozess benötigt Zeit und Geduld. Diese Ziel kann jedoch gut erreicht werden, da Kaninchen natürlicherweise hochsoziale Tiere sind.
Dass die Vergesellschaftung zweier Kaninchen geklappt hat, beweisen deren gegenseitiges Putzen, Nase zu Nase-, Nase zu Körper- und Ganzkörperkontakte.
Ähnlich wie beim Menschen gibt es aber auch Tiere, die einfach nicht miteinander leben wollen und können. Bei diesen dann einzeln gehaltenen Tieren dürfen die Käfige nicht zu nah aneinander stehen, denn Kaninchen können sich auch durch Käfiggitter schwer verletzen.

Junge Kaninchen können aggressiv und destruktiv werden, wenn sie geschlechtsreif werden. Im Alter von 3 – 4 Monaten werden weibliche Kaninchen häufig aggressiver gegen Menschen, andere Kaninchen oder andere Tiere. Sie zeigen dann intensive Gemütswallungen und bespringen ihre Kameraden, spritzen Harn und beginnen, zu graben und ein Nest zu bauen. Böcke werden etwas später im Alter von 4 – 5 Monaten ebenfalls aggressiver und spritzen Harn und besteigen auch Gegenstände, Halter und andere Tiere.
Beide Geschlechter, die zuvor gewöhnt waren, ihren Harn und Kot in einer Toilette abzusetzen, fangen an Kot und Urin in der Gegend herum abzusetzen, um ihr Territorium zu markieren. Dieses Verhalten kann verhindert werden, indem die Tiere möglichst schon vor Beginn der Geschlechtsreife kastriert werden.


Mit Zeit und Geduld können Kaninchen sich auch mit anderen Tieren, Katzen, Vögeln, Meerschweinchen und Hunden anfreunden. Beispielsweise zeigen Kaninchen keine Angst vor Katzen, wenn sie vor dem Entwöhnungsalter mit diesen zusammengebracht werden. Da aber Instinkt bei allen Tieren eine treibende Kraft ist, sollten solche Zusammentreffen niemals unüberwacht stattfinden. Jedes Anzeichen von Aggression ist ein Anzeichen dafür, dass die Raubtierart (Hund oder Katze) und die Beutetierart (Kaninchen oder Meerschweinchen) nicht miteinander auskommen können, und dann sollte jede Annäherung zwischen beiden vermieden werden.
Obwohl sie manchmal gut miteinander harmonieren, sollten Kaninchen nicht mit Meerschweinchen gehalten werden. (Siehe dazu Gemeinschaftshaltung von Kaninchen und Meerschweinchen!).
Kaninchen beherbergen häufig die Bakterien „Bordetella bronchiseptica“, ohne krank zu sein, Meerschweinchen können dagegen durch diese Bakterien schwer an einer Lungenentzündung erkranken. Dagegen können Meerschweinchen „Pasteurellen“ beherbergen und Kaninchen damit anstecken.

FORTPFLANZUNGSVERHALTEN

Das Erreichen der Geschlechtsreife ist mehr eine Frage der Größe als des Alters. So erreichen kleine Rassen die Geschlechtsreife mit ungefähr 4 – 5 Monaten, mittlere Rassen mit ungefähr 4 – 6 Monaten und große Rassen mit 5 – 8 Monaten. Generell sind Weibchen früher geschlechtsreif als Böcke.

 

GESCHLECHTSVERHALTEN von MÄNNLICHEN KANINCHEN

Das Geschlechtsverhalten von männlichen Kaninchen umfasst das Harnspritzen und das Markieren von Objekten mit der Kinndrüse. Die Böcke schnüffeln an der Häsin, belecken sie, stupsen sie mit der Nase, putzen sie und folgen ihr mit wedelndem aufgestellten Schwanz. Das Bespritzen des Weibchens mit einem Strahl Urin ist ein Teil des Balzverhaltens. Weiterhin besteigen oder bespringen Männchen Gegenstände, andere Tiere oder Menschen. Ferner umkreisen sie die Häsin oder ein anderes „Objekt der Begierde“ und geben hupende Geräusche von sich.

Männchen zeigen in der Gegenwart von unvertrauten Weibchen ihr Geschlechtsverhalten ohne Rücksicht, ob das Weibchen empfangsbereit ist oder nicht. Wenn das Weibchen empfängnisbereit ist, geht die Paarung schnell vonstatten. Das Männchen beißt sich im Nackenfell des Weibchens fest, und ejakuliert kurz nach dem Eindringen. Wenn die Paarung abgeschlossen ist, fällt der Bock auf den Rücken oder die Seite und stößt einen scharfen Schrei aus.

Männchen können an der Fürsorge für die Jungen teilnehmen.

Kastrierte männliche Tiere lassen sich besser als Haustiere halten, da sie weniger territorial sind und seltener Harnspritzen und Kotmarkieren. Kastraten kämpfen auch seltener mit anderen Kaninchen.

Verhaltensänderungen, die durch den abnehmenden Hormoneinfluss zustande kommen, zeigen sich etwa 30 Tage nach der Kastration. Es ist bewiesen, dass Böcke mit Deckerfahrung ihr Sexualverhalten inklusive des Aufreitens noch bis zu 10 Wochen nach der Kastration beibehalten können. Bei großen Rassen kann es durchaus vorkommen, dass 6 Monaten vergehen bis das negative Sexualverhalten abnimmt.

Männchen können noch für eine gewisse Zeit lebensfähige Spermien speichern nach der Kastration. Daher ist es ratsam, sie wenigstens 4 – 6 Wochen von unkastrierten, geschlechtsreifen Weibchen fernzuhalten, wenn kein Nachwuchs gewünscht wird.

 

GESCHLECHTSVERHALTEN von WEIBLICHEN KANINCHEN

Wildkaninchen paaren sich normalerweise polygam, wobei sich ein Weibchen mit verschiedenen Männchen paart, welche sich wiederum mit verschiedenen Weibchen paaren. Die Böcke versuchen jedoch, spezielle Weibchen nur für sich zu gewinnen.
Der Östruszyklus von Kaninchen variiert von 4 – 17 Tagen, wenn es zu keinem Deckakt kommt. Der Deckakt induziert die Ovulation. Die Tragzeit dauert 29 – 35 Tage. Der Wurf besteht aus 4 – 10 Jungen. Die Weibchen besitzen 3 – 5 paarige Brustdrüsen, die sich kurz vor dem Werfen vergrößern.

Sexuell gesteuerte Verhaltensweisen können bei dem Zusetzen eines Weibchens in den Käfig eines Männchens beobachtet werden. Empfängnisbereite Weibchen legen sich flach auf den Boden oder beginnen um das Männchen zu kreisen. Andere Verhaltensweisen des empfängnisbereiten Weibchens sind Hyperaktivität (außer wenn sie vom Männchen bestiegen wird!) und eine Lordose. Eine Lordose wird gebildet, wenn Druck auf den Rücken ausgeübt wird, so wie beim Besteigen durch das Männchen, und der Rücken durchgedrückt wird und das Becken hochgestellt wird, um dem Bock die Scham zu präsentieren.
Das ruhelose Weibchen zeigt wachsendes Interesse an anderen Kaninchen und reibt ihr Kinn über Einrichtungsgegenstände. Die Vulva schwillt an, wird feucht und färbt sich tiefdunkel purpurrot.
Weibchen scheinen besser aufzunehmen, wenn der Progesteronspiegel niedrig ist. Häsinnen, die nicht empfängnisbereit sind, laufen vor dem Bock weg oder treiben ihn in die Ecken des Käfigs, beißen und geben Laute von sich.
Kaninchen haben eine induzierte Ovulation etwa 10 – 13 Stunden nach dem Deckakt. Wenn tragende Häsinnen gestresst werden durch Überpopulation, Raubtiere oder Krankheiten, so können sie etwa zur Hälfte der Trächtigkeit ihre Früchte resorbieren. In diesem Fall setzt die Milchbildung trotzdem ein und sie kommt wieder zu der Zeit in den Östrus, als wenn sie geworfen hätte.
Weibliche Kaninchen werden beobachtet, wie sie andere Kaninchen beider Geschlechter als Zeichen der Dominanz besteigen.


Weibliche Kaninchen werden aggressiver, sondern sich mehr ab und sind territorialer, wenn sie geschlechtsreif sind. Selbst gegenüber ihrem Pfleger agieren sie aggressiv und reizbar. Eine Kastration hilft in diesen Fällen, die Aggressivität und die Markierungstendenzen einzudämmen, und ein besseres Verhältnis zwischen Kaninchen und seinem Besitzer herzustellen.
Scheinschwangerschaften sind bei unkastrierten Kaninchen sehr häufig.
Ovulationen ohne Befruchtung können manchmal ausgelöst werden, wenn die Häsin in der Nähe eines Männchens ist, wenn die Vagina mechanisch stimuliert wird, oder wenn andere Weibchen diese Häsin besteigen.
Viele der Verhaltensweisen, die Häsinnen während der Schwangerschaft zeigen, werden auch bei Scheinschwangerschaften beobachtet. So beispielsweise das Rupfen von Fell aus der Wammengegend am Hals und aus der Bauchgegend zum Nestbau, Brustdrüsenvergrößerung und Milchproduktion. Die Scheinschwangerschaft dauert gewöhnlich etwa 17 Tage an und hört spontan auf. Sie kommt häufig wieder und macht Kaninchen empfänglich für Hydro- und Pyometra. Tiere mit wiederholten Scheinschwangerschaften sollten daher prophylaktisch kastriert werden.
Während der letzten 2/3 der Trächtigkeit nimmt die Körpertemperatur der Häsin ab. Nestbau geschieht wenige Tage bis zu wenigen Stunden vor der Geburt, und die Häsinnen polstern das Nest mit eigenen Körperhaaren von Hals, Bauch und Flanken aus. Die Futteraufnahme wird in den letzten 48 Stunden vor der Geburt eingeschränkt.
Der Nestbau wird hormonell reguliert, wenngleich mütterliches Verhalten hauptsächlich durch die Gegenwart der Jungen stimuliert wird.
Das Gebären geschieht meistens in den Morgenstunde. Eine unkomplizierte Geburt ist normalerweise innerhalb von 30 Minuten abgeschlossen. Es ist nichts ungewöhnliches, wenn sich die Feten bei der Geburt in Hinterend- oder Gesichtslage befinden. Jegliche Wehentätigkeit ohne Geburt eines Jungen nach 30 Minuten erfordert sofortiges tierärztliches Eingreifen.
Erstgebärende und Häsinnen von Zwergrassen haben normalerweise kleinere Würfe von 4 – 5 Tieren, während große Rassen 8 – 12 Junge gebären. Kaninchen fressen die Plazenta auf. Kaninchenmütter säugen ihre Jungen nur sehr kurz, weniger als 4 Minuten morgens oder abends. Den Rest der Zeit verbringen sie außerhalb des Nestes. Dieses nur begrenzte Säugen verführt viele Beobachter von Wildkaninchen, zu denken, die Kaninchenmutter habe ihre Jungen verlassen. Daher sollte man beim Finden eines Wildkaninchennests daran denken, dass die Mutter in der Nähe sitzen kann.
Die Gegenwart der frischen Jungen stimuliert die Milchbildung bei der Mutter. Dagegen wird die Milchproduktion durch die Anwesenheit von älteren Jungtieren gehemmt.
Weibchen erkennen ihre Jungen an ihrem Geruch. Deodecylpropionat, welches Bestandteil der kindlichen Perinealdrüsen ist, stimuliert das Anallecken der Jungen durch die Mutter. Wie zuvor schon beschrieben, nehmen Kaninchenmütter keine fremden Jungen an, außer dass diese mit dem Geruch des Wurfes und der Einstreu eingerieben wurden.
Drüsen in der Nähe der Brustwarze produzieren ein Pheromon, das die Jungen anzieht.

Kaninchen über 2 Jahre haben eine sehr hohe Rate an Zubildungen im Geschlechtsapparat, insbesondere an Gebärmutteradenokarzinomen. Klinische Anzeichen sind Blut im Urin, blutig-schmieriger Vaginalausfluss, eine zystische Mastitis und Aggressivität. Häufig wird am Ende des Harnabsatzes Blut gefunden. Auch Brusttumore sind nicht selten anzutreffen. Weibliche Kaninchen sollten daher mit ca. 6 Monaten prophylaktisch kastriert oder ovariohysterektomiert werden. In diesem Alter sind sie bessere chirurgische Kandidaten als ältere Tiere, die möglicherweise schon Krankheiten in sich tragen.
Ältere gesunde Weibchen sollten ovariohysterektomiert werden, weil frühe Erkrankungen des Geschlechtsapparates noch nicht in Erscheinung getreten sind. Gebärmutteradenokarzinome wachsen relativ langsam, und so können diese Tumore durch eine Ovariohysterektomie entfernt werden, ehe sie metastasieren.

 

NEUGEBORENEN und JUGENDVERHALTEN

Neugeborene Junge sind unfähig, zu stehen und ihren Platz zu verlassen. Sie sind haarlos, haben geschlossene Augen und brauchen anogenitale Stimulation, um Kot und Urin auszuscheiden. Die Säuglinge konkurrieren sehr stark, um an Milch zu kommen und können vom Tod eines Wurfgeschwisters profitieren. Sie reagieren sehr empfindlich auf Unterkühlung, und weil die Mutter den Großteil des Tages nicht im Nest ist, haben einzeln aufgezogene Junge wegen der niedrigeren Körpertemperatur nur geringe Chancen zu überleben. Die Jungen kuscheln sich im Nest in den ersten 10 Lebenstagen aneinander, um sich warm zu halten, bis das Fell zu wachsen beginnt. Bei Wildkaninchen liegt die Sterberate bis zum Erreichen des 1. Lebensjahres bei 90%.
Für Säuglinge sind Placenta und Kolostrum gleich attraktiv und man glaubt, dass der Milieuwechsel vom Fetus zum Neugeborenen den Tieren ermöglicht, Kolostrum und Milch sofort zu bekommen. Ferner sind sie imstande, auf Pheromonausschüttung hin auf Brustwarzensuche zu gehen. Sie zeigen dieses Verhalten, auch wenn sie durch Kaiserschnitt geboren wurden. Wenn auch das Stillen etabliert ist, so ist doch die Mundhöhlenstimulation in Verbindung mit Saugen ein wichtiger Verstärker dieses Verhaltens, besonders wenn ein neuer Geruch oder Geschmack dazukommt.
Experimentell konnte festgestellt werden, dass Kaninchensäuglinge während des Brustwarzensuchverhaltens Weibchen, die in einer frühen Laktationsphase sind, bevorzugen. Bis zum 7. Tag nach der Geburt nehmen sie bis zu 30% ihres Köpergewichts täglich durch die Fütterung zu sich. Am 19. Tag nach Laktationsbeginn nimmt die Milchmenge der Mutter ab. Mit ungefähr 3 Wochen fangen die Jungen an, das Nest zu verlassen und feste Nahrung aufzunehmen. Mit 42 Tagen sind sie meistens entwöhnt. Zu diesem Zeitpunkt ist es für die Jungen weniger stressig, wenn sie im gewöhnten Käfig bleiben und man die Mutter entfernt.

FRESSVERHALTEN

Wildkaninchen sind wählerische Pflanzenfresser, die weichere Pflanzenteile bevorzugen, aber auch kleinere Mengen Raufutter als Ballaststoffe aufnehmen, um die Magen-Darm Motilität zu unterstützen. Das Gebiss der Kaninchen erlaubt, die Pflanzen mit den Schneidezähnen abzuschneiden, und mit den Backenzähnen zu zermahlen. Das Futter wird sorgfältig durchgekaut durch seitliche Bewegung der Kiefer, durch hochorganisierte Zungenbewegungen und mit bis zu 120 Kieferbewegungen in der Minute.
Hauskaninchen sollen häufig Fressen und Koten, und das ununterbrochen ganztags. Obwohl die domestizierten Kaninchen tagaktiv sind, fressen sie meistens im Zwielicht des Morgengrauens und der Abenddämmerung.
Kaninchen brauchen immer geeignetes Futter und man sollte genau beobachten, was gerade aktuell von dem gefressen wird, was alles angeboten wird.
Ein hoher Anteil rohfaserhaltigen Futters stimuliert die Blinddarm-Enddarm Beweglichkeit durch das Schaben an der Darmwand und den Dehneffekt der Futtermasse.
Rohfaser macht einen gitterartigen Futterball im Magen, der das Durchdringen von Magensäuren erlaubt. Kaninchen, die dagegen wenig rohfaserhaltiges Futter aufnehmen, sind prädisponiert für Hypomotilität (= Magen und Darm befördern Futterbestandteile zu langsam oder gar nicht) und reduzierter Futteraufnahme. Häufig kann eine harte Masse von Futterbestandteilen nicht von Magensäuren zersetzt werden und führt dann im Zusammenhang mit abnehmender Trinkwasseraufnahme zu Verstopfungen am Magenausgang.
Als Pflanzenfresser sollten Kaninchen nur mit grünblättrigem Gemüse, Heu ad libitum (= soviel sie wollen) und maximal 1 Teelöffel Pellets täglich gefüttert werden. Junge Kaninchen sollten eine kleine Menge Luzerne Pellets, Luzerne Heu und Gemüse erhalten. Luzerne Heu und Pellets, sowie Heu von Hülsenfrüchten sollte erwachsenen Kaninchen nicht gefüttert werden, da diese Futtermittel zu hoch an Protein und Kalzium sind, und damit das Entstehen von Blasensteinen und/oder Hyperkalziurie (= Kalziumkarbonat Schlamm in der Blase) provozieren. Luzerne Heu enthält weniger Rohfaser als Heu von Gräsern wie Timothy, Brome oder Prärie Gras. Diese Gräser sollten erwachsenen Kaninchen den ganzen Tag über zur freien Auswahl angeboten werden.
2 x täglich, morgens und abends, wenn Kaninchen am aktivsten sind, sollte eine Auswahl grünblättriger Gemüse angeboten werden. Diese Gemüse sind: Kohlrabi, Brokkoli, Endivien Salat, Löwenzahnblätter und -blühten, Möhren und Möhrengrün, Senfgrün, Petersilie, Koriander, Kaiserschoten, Römersalat (nicht Iceberg- oder Kopfsalat), grün- und rotblättriger Salat, Brunnenkresse, Chinakohl, Sellerie, Klee. In kleinen Mengen kann auch gelegentlich Spinat und Grünkohl gefüttert werden, genauso wie Früchte, z.B. Äpfel, Erdbeeren, Melonen, Pfirsiche und Birnen, wenn der Kot davon nicht weich wird.

Grasheu Pellets sollten bei der Verfütterung an erwachsene Kaninchen der Vorzug vor Luzerneheu Pellets gegeben werden. Erwachsene Kaninchen, die wie gefordert frisches Grasheu und Grünfutter zum Fressen erhalten, sollten pro Kilogramm Körpergewicht maximal 1 Esslöffel Pellets gereicht werden. Bei übergewichtigen Tieren, solchen mit chronischem Durchfall oder klumpendem Kot sollte auf eine Pelletgabe ganz verzichtet werden. Fettsucht, wie im übrigen auch bei anderen Haustieren, ist bei Hauskaninchen zur Regel geworden, besonders bei denen, die freie Auswahl an Pellets zum Fressen haben, weil Pellets hoch konzentriert und rohfaserarm sind. Diese so ernährten Kaninchen haben häufig weichen Kot und Durchfall, weil eine rohfaserarme Kost die Darmperistaltik verringert, die Magen-Darm Passagezeit verlängert, und damit krankmachenden Bakterien mehr Zeit zur Entwicklung lässt.
Kaninchen sind sehr sozial und lernen leicht, zu den Mahlzeiten den Halter um Fressen anzubetteln. Sie erhalten dann häufig Essen vom Tisch, welches völlig ungeeignet für sie sind. Futter, welches kohlenhydratreich ist oder viel Zucker enthält, sollte nie verfüttert werden. Wenn die hinteren Darmabschnitte mit Kohlenhydraten überladen werden, wächst das Risiko einer Enterotoxämie (= akute Vergiftung durch den Darm aufgrund von Toxinwirkung von Bakterien). Das Kohlenhydratnebenprodukt Glucose wird von Bakterien der Art Clostridium zur Bildung von Iota Toxin verwendet.
Kaustangen mit Honig und Getreidekörnern, Schokolade, Brot, Müsli, Cornflakes, Hafer, Mais oder Popcorn, Cracker, Plätzchen, Pasta, Kartoffelschalen, Chips, Yoghurt Drops und andere offensichtlich zuckerhaltige Speisen und Leckereien sollten nie! gefüttert werden. Als Leckerchen zu besondere Gelegenheiten sollten grünes Blattgemüse oder kleine Stücke von Äpfeln oder Möhren handgefüttert werden.
Heimtierfutter und Nagermischfutter mit Getreidekörnern, getrocknetem Gemüse und bunten Additiven sollten vermieden werden. Die Kaninchen nehmen hier nur die geschmacklich favorisierten Anteile des Futters und lassen die ernährungsphysiologisch vernünftigen zurück. Diese Mischfutter zu füttern, führt zu Mangelernährung, Fettsucht und Magen-Darm Problemen.
Futter- und Wasserbehälter sollten täglich gesäubert werden und wenigstens einmal wöchentlich komplett mit heißem Seifenwasser gewaschen werden.
Vitamine sollten nicht ins Trinkwasser gegeben werden, da sie das Wasser verfärben und seinen Geschmack verändern können. Das kann dazu führen, dass das Kaninchen weniger trinkt, als es sollte. Wasserzusätze erleichtern die Bildung eines Bakterienschmierfilms an der Innenseite der Wasserflasche oder des Wassernapfes und machen eine tägliche Reinigung mit heißem Seifenwasser notwendig.
Kaninchen trinken 50 bis 150 ml pro Kilogramm täglich. Das ist mehr als die meisten anderen Tiere.
Das muss bei einer Infusionstherapie beim Kaninchen bei einer Rehydrierung beachtet werden, da reichen die Infusionsmengen, die bei Hund und Katze gegeben werden, nicht aus. Polydipsie (=vermehrte Wasseraufnahme) kommt vor, wenn das Kaninchen nicht an sein Futter kommt, oder bei Nierenkrankheiten. Bei Entzug von Wasser magern die Tier ab. Der Wasserverbrauch nimmt ab, wenn die Fütterung von frischem grünen Gemüse ansteigt. Es ist also für den Tierarzt wichtig, wenn ein Kaninchen krank vorgestellt wird, zu erfahren, wie die Wasseraufnahme und die Wasserversorgung sind.
Gesundheitliche Probleme können sich im Wechsel von Fressgewohnheiten, einer geringeren Futteraufnahme, Absetzen von weniger und kleineren Kotbällchen, im Wühlen im Futter und an diesem Interesse haben, es aber nicht fressen, durch vermehrtes Speicheln oder Zähneknirschen bemerkbar machen. Gewichtsabnahme mit vermindertem oder gar keinem Kotabsatz sind immer tiermedizinische Notfälle!
Kaninchen, die nicht selbstständig fressen, müssen zwangsgefüttert werden z.B. mit Herbi Care, Critical Care oder Rodicare. Zusätzlich brauchen sie Medikamente nach tierärztlicher Anweisung.
Zahnfehlstellungen, Abszesse oder andere Probleme im Kopfbereich können bei genauer Beobachtung schon früh durch Verhaltensänderungen beobachtet werden.
Fressensgewohnheiten können sich ändern, weil Schwierigkeiten bei der Futteraufnahme bestehen, oder weil der Kauvorgang schmerzhaft ist.
Für größere Probleme im Kopfbereich sprechen verstärkter Speichelfluß, Zähneknirschen, mit den Pfoten häufig um das Mäulchen fahren, Schmerz bei Berührung der betroffenen Gegend, Kauen nur mit einer Kieferseite und Abmagerung. Weiterhin ist eine Abnahme oder Einstellung des Putzverhaltens, was an Schuppen und losen Haaren, an unsauberen Ohren und Perianaldrüsen erkannt werden kann, ein Hinweis auf eine Mundhöhlen- oder Kopferkrankung.

 

AUSSCHEIDUNGSVERHALTEN

Kotabsatz ist ein ziemlich kontinuierlicher Prozess und geschieht bei gesunden Kaninchen relativ passiv in einer sitzenden Position mit dem Schwanz nach unten. Halter sollten sofort den Tierarzt aufsuchen, wenn ein Tier weniger Kot absetzt, Schwierigkeiten beim Kotabsatz hat, oder überhaupt keinen Kot absetzt.
Dem Tierarzt werden solche Fälle häufiger vorgestellt, weil der Tierhalter glaubt, dass Kaninchen hätte Verstopfung. Der Bauch kann ausgedehnt erscheinen und das Tier kann eine angestrengte und angespannte Körperhaltung einnehmen. Dieses Krankheitsbild liegt aber wahrscheinlich häufiger an Abmagerung und Nichtweiterbeförderung des Magen-Darm Inhaltes aufgrund anderer medizinischer Gründe.
Magen-Darm Schmerz zeigt sich bei Kaninchen durch Abmagerung, Zähneknirschen, vermehrtes Trinken, den Bauch auf den Boden drücken oder Sitzen in einer verspannten Körperhaltung.
Das können Magengeschwüre, teilweiser oder kompletter Magenverschluss, nicht Weiterbefördern von Magen-Darm Inhalt, ein Darmverschluss oder eine Darmentzündung bewirken. Hier ist es äußerst wichtig, Schmerzmittel zu verabreichen und die Stasis (= Nicht Weiterbeförderung von Magen-Darm Inhalt) zu behandeln, egal aus welchem Grund sie entstanden ist.
Der Inhalt des Magen-Darm Traktes beim Kaninchen kann 10 – 20% seines Körpergewichts betragen. Der Magen enthält ungefähr 15% des Magen-Darm Breis. Bei einem gesunden Kaninchen sollten immer Futter und Cäkotrophe (= wiederaufgenommener Blinddarmkot) im Magen vorhanden sein. Die Dünndärme beinhalten etwa 12% des Magen-Darm Breis, während der große, dünnwandige Blinddarm etwa 40% beinhaltet, mit einer 10-fachen Kapazität vom Magen. Kaninchen machen Koprophagie, d.h. sie fressen ihren Blinddarmkot, weiche, traubenartige Klumpen aus runden Blindarmkotbällchen direkt vom After. 3 – 8 Stunden nach dem Fressen beginnen die Tiere mit der Koprophagie. Man nimmt an, die Koprophagie wird durch den Dehnungseffekt des Kotes auf die Wand des Dick- und Enddarms ausgelößt. Diese Kotbällchen haben eine gelatineartigen Überzug, der sie vor der Magensäure schützt, so dass sie in den Dünndarm gelangen können, und dort wieder resorbiert werden.
Übergewichtige Tiere und ältere Tiere, die an Arthrose oder Verkalkung der Bandscheiben leiden, sind häufig nicht in der Lage diese Kotbällchen aufzunehmen. Bei diesen Kaninchen ist die Afterumgebung häufig verschmiert und verschmutzt. Eine zu proteinreiche Fütterung kann auch zu einer Überproduktion von Blinddarmkot führen. Oftmals suchen Tierhalter, die diese Ausscheidungsform ihres Kaninchens bisher nicht beobachtet hatten, aufgeregt einen Tierarzt wegen vermeintlichen Durchfalls ihres Tieres auf. In schweren Fällen wird der After durch angetrocknete Kotmassen blockiert, die schwere Hautentzündungen nach sich ziehen können. Daher sollten Besitzer die Aftergegend ihres Tieres täglich kontrollieren, um solche Probleme frühzeitig zu erkennen.
Wildkaninchen haben in ihren Bauten ein Latrinengebiet zum Koten und Urinieren eingerichtet. Bei domestizierten Kaninchen kann diese Verhalten auch beobachtet werden. Sie setzen Urin und Kot immer an derselben Stelle im Käfig ab. Dadurch wird es auch ermöglicht sie an eine Toilette zu gewöhnen. Als Heranwachsende lernen sie das leicht, aber wenn sie geschlechtsreif werden, beginnen sie ihr Territorium mit streng riechendem Urin und Kot zu markieren und vergessen ihr Toilettenverhalten. Durch Kastration, möglichst schon mit 4 – 6 Monaten), kann sich bei beiden Geschlechtern dieses Verhalten gar nicht erst entwickeln.

Gesunde Kaninchen produzieren eine große Menge Kot und Urin jeden Tag. Deswegen muss die Toilette täglich gesäubert werden und die Einstreu wenigstens 1 x wöchentlich ganz erneuert und gereinigt werden. Zedern-, Kiefern- und andere Holzspäne sollten vermieden werden, da man bei dieser Einstreu erhöhte Leberenzyme bei Kaninchen und Nagern gefunden hat. Die verdampfenden aromatischen Öle dieses Einstreues führten zu Atemwegs- und Hautproblemen. Auch können Holzspäne Milben beherbergen. Recycelte Zeitungsprodukte, als Faser oder pelletiert sind zu bevorzugen, denn sie sind saugfähig und ungefährlich, wenn sie gefressen werden. Papiertücher und Zeitungen sind auch gut brauchbar. Heu und Stroh können auch gebraucht werden, absorbieren aber Urin nicht so gut. Katzenstreu sollte nicht verwendet werden, da es aufgenommen wird und zu Magen-Darm Motilitätsstörungen oder Verstopfungen führen kann. Der Zoohandel führt geeignete Produkte.

 

URINABSATZVERHALTEN

Harnabsatz geschieht fast passiv, währenddessen der Schwanz des Kaninchens nur leicht angehoben wird. Die Urin Ausscheidung liegt bei ungefähr 10 – 35 ml pro kg Körpergewicht am Tag. Schwierigkeiten Urin abzusetzen zeigen sich in aufgekrümmter Körperhaltung, während der Schwanz und der hintere Teil des Körpers viel höher gehoben werden, um Urin abzusetzen. Dabei können auch Laute ausgestoßen werden.
Harnabsatzschwierigkeiten können bei Harnwegsinfektionen, Harnsteinen und übermäßigem Calcium im Urin bestehen, und bei weiblichen Kaninchen von Fortpflanzungsstörungen begleitet werden. Ein Kaninchen mit Harnabsatzschwierigkeiten kann verminderten Harnabsatz und Harndrang zeigen. Ein vorher an eine Toilette gewöhntes Tier wird unsauber beim Harnabsatz.


Der Blutserumspiegel von Calcium spiegelt Calciumaufnahme im Futter wieder. Im Gegensatz zu anderen Säugetieren, die nur ca. 2% Calcium über den Urin ausscheiden, liegt die Ausscheidungsquote bei Kaninchen zwischen 45 – 60%. Weil die Calciumausscheidung über den Urin erfolgt, kann sich zäher Urin Schlamm in Form von ausgefälltem Calcium- Carbonat bilden, der Steinbildung provozieren kann.
Wegen einer Porphyrin Pigment Bildung kann Kaninchen Urin orange bis bräunlich gefärbt sein. Das kommt bei Kaninchen vor, die gewisse Antibiotika einnehmen, gestresst sind oder bestimmte Pflanzenpigmente gefressen haben. Besitzer missdeuten diese Erscheinung häufig als Blut im Urin. Mit einem Urin Testplättchen kann der Unterschied leicht festgestellt werden. Im ultravioletten Licht flouresziert Porphyrin, Blut aber nicht.

 

BEWEGUNGSVERHALTEN

Während Wildkaninchen ursprünglich nachtaktiv sind, wurden sie während der Domestikation schnell tagaktiv, ausgelöst durch externe Geräusche, Licht und der Fütterung tagsüber. Es ist bewiesen, dass Kaninchen unter künstlichem Lichteinfluss einen anderen Lebensrhythmus haben als solche, die unter natürlichen Lichtbedingungen leben. Gesunde Kaninchen, die in Gruppen zusammengehalten werden, verbringen die meiste Zeit des Tages zusammen. Obwohl Wildkaninchen Bauten graben, die als Zufluchtsort dienen, und ihr Wohnbereich nur sehr begrenzt ist, sind sie oberhalb der Erde sehr aktiv. Sie laufen herum, hoppeln, rennen, jagen und spielen. Hoppeln ist die Hauptfortbewegungsart.
Kaninchen ruhen längere Zeit nachmittags. Sie kuscheln sich aneinander, und fühlen sich so in größerer Anzahl sicherer vor Raubtieren. Sie liegen seitlich mit ausgestreckten Beinen oder in Brustlage mit nach hinten gestreckten Hinterläufen, häufig mit offenen Augen. Wenn der Schlaf tiefer wird, fangen sie gelegentlich an zu wackeln und lehnen sich an. Manchmal liegen sie sogar mit hochgereckten Füßen auf dem Rücken.
Schnarchen, Zucken, Flattern der Lider oder Tasthaare können beobachtet werden, und vom Besitzer als Anfallsgeschehen missdeutet werden.

Bewegung ist für Kaninchen von großer Bedeutung für ihre Gesundheit. Kaninchen, die immer im Käfig eingesperrt sind, noch dazu in zu kleinen Käfigen, haben ein erhöhtes Risiko, an Fettsucht, Fußsohlenentzündungen, Osteoporose und Wirbelsäulenverletzungen zu erkranken. Kaninchen, die häufig Freilauf im Zimmer oder in der Wohnung haben, zeigen häufiger wahre Freudentänze. Dann rennen sie sehr schnell und schmeißen die Hinterläufe in die Luft. Freudig erregte Tiere können Bocksprünge machen, häufig begleitet von Seitwärtsschlagen und Körperschütteln. Freude wird auch durch Kopfschütteln oder ein plötzliches Plumpsen auf die Seite oder den Rücken ausgedrückt. Auch stehen die Tiere auf ihren Hinterpfoten, um besser sehend, hörend und riechend die Umgebung zu erkunden. Wenn sie dazu Gelegenheit haben, erklettern Kaninchen Gegenstände und liegen darauf zusammen und schlafen auf erhöhten Plattformen. Wenn durch Treppen ermöglicht, findet man sie oft bis zu 2 m über dem Zimmerboden sitzend. Es gibt leider keine Studien über den vertikalen Raumbedarf von Kaninchen. Dagegen konnte gezeigt werden, dass Raum zur Bewegung für Kaninchen wichtig ist. Kaninchen sollten einen minimalen Platz haben, um hüpfen, auf den Hinterpfoten stehen und höhere Bereiche erklettern zu können. Eine Beutetierart wie Kaninchen braucht einen sicheren Unterschlupf, wenn es sich fürchtet.

Junge Kaninchen bewegen sich wie Teenager. Sie tendieren zu Hyperaktivität, unbändiger Ausgelassenheit, Verspieltheit und schelmisch zu sein. Sie sind sehr neugierig und zerbeißen alles und graben überall. Es kann bis zu einem Jahr dauern, bis die Tiere ruhiger und berechenbarer sind. Gelegentlich gibt es auch danach noch aktivere Perioden. Manche Besitzer geben Kaninchen wieder ab, da sie das Verhalten des Heranwachsenden nicht richtig einordnen können und ihm nicht angemessen begegnen.

Ältere Kaninchen, ab einem Alter von 5 oder 6 Jahren, bewegen sich langsamer und schlafen mehr. Wie bei anderen Tierarten aber auch bedeutet älter werden, nicht Lethargie, abnehmender Appetit oder Gewichtsverlust, sondern ein Krankheitsgeschehen, das untersucht werden sollte. Vorsorgeuntersuchungen für ältere Kaninchen sollten vom Besitzer 2 x jährlich initiiert werden, davon einmal mit einer Blutuntersuchung, um schleichende Erkrankungen zu entdecken und zu behandeln.

Um abnormales Bewegungsverhalten zu entdecken, sollte hier noch mal das normale Verhalten aufgezeigt werden. Kaninchen hoppeln mit ihren Hinterläufen. Dabei wird die gesamte Fußfläche beider Hinterläufe gebraucht und die Füße verlassen den Boden gleichzeitig. Gehen Kaninchen langsamer, so werden nur die Zehenspitzen der Hinterläufe belastet. Wenn das Kaninchen steht oder sitzt, wird das Körpergewicht auf alle vier Pfoten gleichmäßig verteilt. Wenn Kaninchen sitzen, berührt die gesamte Fußfläche von der Ferse bis zu den Zehen den Boden.
Verhaltensänderungen in Köperhaltung und Bewegung können verborgene Unterschiede, wie z.B. mehr Laufen statt Hoppeln mit den Hinterläufen, sein. In normaler Sitzposition haben Kaninchen ihre Hinterläufe direkt unter sich und ihr Rücken ist gut gerundet. Kaninchen mit einer Encephalitozoon cuniculi Infektion dagegen können eine leichte Parese (= teilweise Lähmung) der Hintergliedmaßen haben und dabei eine mehr flache Position von Rücken und Hinterteil einnehmen. Ein gliedmaßenkrankes Tier kann ungleichmäßig mit einem Lauf leicht vom Körper abgestreckt sitzen oder leicht auf eine Seite geneigt mit einem an den Körper gezogenen Lauf lehnen. Wenn das Tier sein Gewicht verlagert erkennt man, dass das an den Körper herangezogene Bein das kranke ist.

„Schiefhals“ entsteht akut und kann verschiedene Gründe haben. Ein aufgestellte Ohr mit gelegentlichem Kopfschütteln darf nicht mit „Schiefhals“ verwechselt werden. Hierbei kann es sich um eine Ohrentzündung oder Milbenbefall handeln. „Schiefhals“ tritt nicht mit Unterbrechungen auf, und kann von „sich um die eigene Achse Drehen oder Rollen“ begleitet sein, besonders in den Anfangswochen bis -monaten des Krankheitsgeschehens.
Trotz Behandlung kann der „Schiefhals“ bestehen bleiben und begleitende Symptome müssen sorgfältig behandelt werden, während mögliche Ursachen untersucht werden.
Häufig können Kaninchen gut mit einem dauerhaften „Schiefhals“ leben, wenn sie in den frühen Stadien der Erkrankung vom Besitzer gut unterstützt und krankheitsentsprechend sorgfältig behandelt werden. Die Käfigausstattung sollte nicht verändert werden, der Boden sollte mit Teppichresten versehen werden, damit das Tier besseren Halt hat. Toilettenseiten sollten tiefer gelegt werden, Futter- und Wasserbehälter sollten leicht erreichbar sein. Erkrankte Tier sollten nicht von ihren Käfigpartnern getrennt werden, um Stress zu vermindern.


Differentialdiagnosen für Bewegungs- und Stellungsanomalien und „Schiefhals“ sind: Weichteiltrauma, Frakturen, Luxationen, Innenohrentzündung, E. cuniculi Infektion, Toxoplasmoseinfektion, Tumore, Hirnhautentzündung, Blutvergiftung, Vergiftung u.a.. Wirbelfrakturen oder -luxationen können dahintergelegene Lähmungen hervorrufen. Kaninchen, die weniger bewegungsaktiv sind, die Schmerz bei Berührung der hinteren Wirbelsäulengegend fühlen und in abnormaler Körperhaltung im Käfig sitzen, sollten geröntgt werden, um Entzündungen der Zwischenwirbelräume oder Arthritis an den Zwischenwirbelgelenken zu erkennen.
Unabhängig vom Grund des „Schiefhalses“ finden Kaninchen bei sorgfältiger Pflege häufig nach Tagen oder Wochen intensivster Fürsorge ihren Appetit wieder. Je länger jedoch der „Schiefhals“ besteht, desto weniger wahrscheinlich ist die Rückkehr zu normaler oder annähernd normaler Kopfhaltung. Physiotherapie, indem man das Kaninchen stimuliert, auf die andere Seite zu drehen, hat erstaunlicherweise in vielen Fällen Erfolg. Das kann durch Kratzen an der Flanke geschehen, um eine reflektorische Kopfdrehung zu provozieren.

 

PUTZVERHALTEN

Kaninchen putzen sich akribisch wie auch die meisten kleinen Heimtiere. Gegenseitiges Putzen von Artgenossen und des menschlichen Pflegers sind ein Zeichen von Akzeptanz und Zuneigung. Putzt sich ein Kaninchen, nachdem es angefasst oder behandelt wurde, so zeigt das an, dass das Tier sich normal verhält.
Kaninchen, die sich nur teilweise oder gar nicht pflegen, sollten auf Unwohlsein oder Schmerzen untersucht werden. Gründe für ein verlorengegangenes Putzverhalten sind: Fettsucht, Arthritis (= Gelenkendzündung), Zwischenwirbelveränderungen, Mundhöhlen- und Schnauzenerkrankungen, Juckreiz durch Parasiten oder jede an Teilnahmslosigkeit gekoppelte Erkrankung.
Wegen des starken Putzverhaltens von Kaninchen ist es normal, dass im Magen-Darm Trakt dieser Tiere Haare gefunden werden. Wenn Kaninchen genügend Rohfaser fressen und trinken, bereiten die aufgenommenen Haare für die Tieren keine medizinisches Probleme. Kurzhaarige Rassen sollten mehrmals wöchentlich, während des Fellwechsels täglich, gebürstet werden. Langhaarige Kaninchen sollten täglich gebürstet und hin und wieder geschoren werden, damit es im Fell nicht zu Verknotungen und Verfilzungen kommt. Im Haarwechsel sollten diese Kaninchen zweimal täglich gebürstet werden. Ein Scheren von Kaninchen sollte unter Anästhesie vorgenommen werden, um Stress zu vermeiden und um die dünne Haut nicht zu verletzen.
Fellausreißen kommt bei Kaninchen vor, wenn ein dominantes Tier Haare von einem untergeordneten Tier auszupft. Kaninchen rupfen sich in der späten Schwangerschaft oder während der Scheinschwangerschaft Haare aus, um ein Nest auszupolstern, oder wenn sie nur faserarmes Futter erhalten, gelangweilt oder gestresst sind. Sich selbst das Fell auszureißen, kann auch stressbegleitetes Trennungsverhalten anzeigen.
Vermehrte Gaben von Grasheu und Grünfutter, Zugang zu Spielzeug, Abbau von Überbesatz, wechselnde Lichtzyklen und Lichtintensität und vermehrte Bewegung können helfen, dieses Verhalten einzudämmen.
Einfach herauszuziehende Haare, fettiges Fell, Haarausfall, Juckreiz und ein struppiges Fell sind Anzeichen für Parasitenbefall wie z.B. Milben.
Kaninchen benutzen ihre Hinterläufe, um Ohrenschmalz aus den Ohren zu entfernen, das sie dann auffressen. Ohrenschmalzbildung in einem oder beiden Ohren kann ein Krankheitsgeschehen anzeigen, welches die Beweglichkeit der Hinterläufe einschränkt. Die Inguinaldrüsen können ungereinigt sein, wenn ein Tier zu dick ist, oder wenn es eine Wirbelsäulen- oder Beckenerkrankung wie Arthritis oder Zwischenwirbelentzündung hat. Kaninchen besitzen unter den Füssen ein dickes Fellpolster, welches Haut und Knochen darunter schützt. Wenn die Dichtigkeit dieses Kissens durch Feuchtigkeit, Verfilzung oder Scheren gestört ist, führen Drucknekrosen zu Fußsohlenentzündungen.
Krallen sollten alle 2 bis 3 Wochen, oder wenn sie zu lang sind, geschnitten werden. Zu lange Krallen verfangen sich in Käfiggittern, Teppichen oder anderen Materialien und werden dabei abgerissen. Das kann zu starken Blutungen führen. Kaninchen sind sehr empfindlich bei Druck auf die Krallen. Daher sollte ein Krallenschneidegerät erst vorsichtig angesetzt werden. Wenn das Kaninchen dann das Bein wegzieht, ist das Schneidewerkzeug zu hoch angesetzt und sollte neu positioniert werden.

 

KANINCHEN in AUSSENHALTUNG

Viele Leute halten Kaninchen immer noch in Ställen im Freien. Das ist nicht ideal, da es den Sozialkontakt zu Artgenossen oder Menschen einschränkt. Viele solcher Ställe bieten den Tieren nicht genug Platz, um sich zu bewegen und sich auf den Hinterläufen aufzurichten. Es ist auch schwieriger, einen Käfig zu bekommen, der sicher und bequem für die Kaninchen ist, und der sie vor Beutetieren wie anderen Haustieren oder Wildtieren sicher schützt. Allgemein gilt, dass Kaninchen Kälte besser tolerieren als Hitze. Aber wenn sie draußen gehalten werden, ist ein geschlossenes Abteil (Haus, Kiste o. ä.) im Stall nötig, um den Tieren Schutz vor Wind und Isolation gegen die Kälte zu bieten. Selbstverständlich darf auch keine Nässe in dieses Schutzhaus gelangen, denn dagegen sind Kaninchen sehr empfindlich. Äußerst empfindlich reagieren Kaninchen auf Hitze ab 25° C.

Kaninchen können nur in sehr geringem Maße durch an den Lippen gelegene Drüsen schwitzen. Ein kleiner Teil Hitze wird durch die Ohroberfläche abgekühlt, wo ein umfangreiches arteriovenöses System dafür sorgt. Sie schnappen anfangs erfolglos nach Luft und dehydrieren (= trocknen aus) dadurch. Dann stellen sie die Atmung ein. Anzeichen von Hitzestress sind verminderte Futteraufnahme, Stau von Futtermitteln im Magen-Darm Trakt. Die Tiere liegen ausgestreckt auf dem Bauch. Wegen der Hitze sind in Außengehegen Schatten und Luftbewegung zum Überleben unbedingt nötig. Sauberes frisches Wasser muss zu jeder Zeit verfügbar sein. Ferner muss dafür gesorgt werden, dass sich Wildkaninchen nicht an die Ställe gelangen können. Hier könnte es durch Kontamination von Gras und späterer Aufnahme als Futter zu E. cuniculi Infektionen kommen. Selbstverständlich sollten die Kaninchen regelmäßig gegen RHD und Myxomatose geimpft sein. Fliegengitter halten Flöhe und Fliegen ab.

 

Durch ABWECHSLUNG bereichertes VERHALTEN

Wie zuvor schon erwähnt, sind Kaninchen sehr sozial und fühlen sich wohler, wenn sie zu zweit oder dritt gehalten werden. Wenn Kaninchen in einem Käfigsystem gehalten wird, das den Zugang zu zwei Käfigen erlaubt, bevorzugen es einzelne Kaninchen, mit anderen in einem Käfig zu sitzen.
Kaninchen sind intelligent und verspielt. Häufig beginnen sie mit Menschen und Artgenossen zu spielen. Um prächtig zu gedeihen, brauchen sie Beachtung und geistige Herausforderung. Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter, aber fast alle lieben Schmuseeinheiten und zartes Streicheln. Mit Menschen spielen sie Fangen, schlagen mit den Vorderpfoten Bälle vor sich her, jagen vom Menschen an der Leine gezogenes Spielzeug oder werfen Spielzeug in die Luft und fangen es wieder auf.
Kaninchen, die in Gehegen gehalten werden, sollten wegen der besseren Luftzirkulation in Drahtkäfigen und nicht in Aquarien gehalten werden. Weil Kaninchen täglich eine Menge Urin produzieren ist eine gute Lüftung wichtig, damit sich keine Ammoniakdämpfe stauen, was wiederum für die Tiere ungesund ist.
Tiere, die in herkömmlichen Käfigen ohne Gegenstände zur Verhaltensbereicherung gehalten werden, zeigen häufig Unruhe, übertriebenes Putzverhalten, Gitterbeißen und Scheu.
Täglich sollten Übungseinheiten mit den Kaninchen abgehalten werden. Dazu muss ein kaninchensicheres Areal geschaffen werden, wobei Elektrokabel und gefährliche Gegenstände, die gekaut und gefressen werden könnten, verbannt werden müs

Tierärztliche Praxis für Heimtiere & Kleintierpraxis | Dr. Bernhard Lazarz - Fachtierarzt für Heimtiere

Zusatzbezeichnung Zahnheilkunde

Zum Lith 105 | 47055 Duisburg (Wanheimerort) | Tel.: 0203 / 77 70 35